Beobachtungsprojekt. Stolpersteine

Das Projekt
Seit 1992 setzt der Köln/Berliner Künstler Gunter Demnig (*1944) »Stolpersteine« ein. So nennt er seine 10 cm kleinen, gegossenen Betonwürfel, auf denen Messingplatten an Menschen erinnern sollen, die von den Nationalsozialisten aus ihren Häusern vertrieben und getötet wurden. Vor den jeweiligen Adressen der Häuser der Deportierten werden die Stolpersteine in den öffentlichen Straßenraum eingelassen. In der Messingtafel steht geschrieben »Hier wohnte« und darunter Name, Geburtsdatum und weiteres Schicksal jedes Einzelnen.
Die Idee dazu kam Gunter Demnig während einer Kunstaktion, die an die Massendeportation von Sinti und Roma in Köln erinnern sollte. Die Unwissenheit der Mitmenschen über jene Ereignisse waren für ihn der Anstoß zu seiner Aktion, mit der er mittlerweile in 25 deutschen Städten »Stolpersteine« gegen das Vergessen verlegt hat.
In einer Zeit, in der Geschwindigkeit und Kurzlebigkeit Maximen des Alltags sind, das Flimmern der schnellen Bilder auch in der Kunst den Rhythmus bestimmen und schnelle Trends unverbindliche Flüchtigkeit in alle Lebensbereiche transportieren, setzt der Künstler seine Erinnerungsarbeit mit diesem Projekt unbeirrt fort. Es ist für ihn entscheidend, daß das Gedenken in unsere Lebensmitte gerückt wird und Erinnerungsmale nicht weitab liegen, wie die zahlreichen nach 1945 entstandenen Gedenkstätten und Mahnmale, die man auch bequem links liegen lassen kann. Zum Beispiel kritisiert er die Anonymität des Holocaust-Denkmals in Berlin, ein Denkmal für alle, wobei Einzelschicksale nicht berücksichtigt werden.
In zahlreichen Gesprächen mit Überlebenden und Nachgeborenen, und in enger Zusammenarbeit mit Historikern, rekonstruierte er die ehemaligen Wohnorte der Deportierten. Bis heute sind in Hamburg ca. 820, in ganz Deutschland ca. 3300 Steine in den Boden eingelassen worden.
»Je mehr Steine verlegt und zu sehen sind, umso größer wird das Interesse – auch, wenn es schmerz- haft sein kann – Geschichte nicht dem Vergessen anheim zu geben«, so erklärt sich Gunter Demnig die Aufmerksamkeit für seine Arbeit.

 

 




 

Mit Hammer und Schlagbuchstaben werden die Daten jedes einzelnen Menschen eingestanzt. Die Schrift bleibt unauslöschlich in das Metall geprägt, nichts kann korrigiert oder entfernt werden. Stolpern heißt auch darauf stoßen. Sein Projekt »Stolpersteine« wird zu 95% positiv von den Menschen aufgenommen. Es gibt ein paar wenige Ausnahmen, die z. B. Angst vor Nazis haben oder nicht erinnert werden wollen, die das Gefühl haben, jetzt würde man die Betroffen »mit Füßen treten« oder diejenigen, die die Steine als Schandflecke negativ bewerten. Viele Hinterbliebene suchen nach Verwandten und Bekannten. Da es von ihnen keine Grabstätten und Grabsteine gibt, gibt es jetzt für die Überlebenden einen Ort des Gedenkens, eine Art Gedenkstätte.

Das Anliegen
G. Demnig bezeichnet sich selbst als Spurenleger. Er hat bereits mehrere Kunstaktionen zu dieser Thematik gemacht, er hat mit Blutspuren gearbeitet, Kreide, Fäden durch Städte gezogen und Duftmarken gesetzt. Die »Stolpersteine« nennt er auch Spuren der Erinnerung. Es ist sein Anliegen, Spuren sichtbar zu machen, zu erhalten und zu erinnern. Dabei gibt es Spuren, die sich wieder wegwaschen, wie Blut und Kreide, und es gibt Spuren, die so gut wie unverwüstlich sind, wie die Messingplatten auf Beton.
Nichts, was geschieht bleibt folgenlos. Die Erinnerung wird wieder konkret in den Alltag geholt. Die Identität und das Schicksal des Menschen wird durch den Namen und die Daten auf dem Stein wieder persönlich. Das Einzelschicksal wird wieder deutlich gemacht, dennoch ist das Gedenkprojekt auch ein Symbol für die Gesamtheit der Opfer.
Auch der Ort spielt eine wichtige Rolle. Die Menschen werden an die Orte zurückgeführt, wo das Grauen tatsächlich begann, denn es begann nicht erst im Konzentrationlager, sondern in den Wohnungen, aus denen die Menschen abtransportiert wurden.



Die Wirkung
Das »Stolpern« ist symbolisch gemeint. Die Steine liegen plan im Gehweg eingelassen. Doch durch die leichte Unebenheit im Boden oder durch die glänzende Oberfläche kommt der Tritt ins stocken. Die Aufmerksamkeit geht zum Boden. Die Absicht war, daß die Steine durch das Begehen/ Betreten blankpoliert werden, dadurch sollte die Erinnerung aufgefrischt werden.
Sehr aufmerksame Passanten treten oft nicht ´drauf, dort kommt der Aspekt des Gedenksteines zum Tragen, auf den man, vermutlich aus moralischen Gründen, nicht treten würde. In diesem Fall oxidiert das Metall und bildet eine Schutzschicht. Die Buchstaben werden schwarz und bleiben dadurch gut lesbar. Die Entdeckung löst oft Irritationen aus. Es wird ganz normalen Menschen gedacht, keinen besonderen Persönlichkeiten. Es geht um Menschen, die auch heute nebenan wohnen könnten. Es wird an Men- schen erinnert, die vor nicht allzulanger Zeit in dem Haus gelebt haben, vor dem man gerade steht. Dadurch wird der Vorfall so real und die Vorstellungskraft so klar über die Geschehnisse der damaligen Zeit. Durch das Begehen und das Lesen wird die Irritation des Ungewohnten noch erhöht.
Die Konfrontation mit der Vergangenheit findet statt. Die Messingplatten werden auf dem Boden stärker wahrgenommen, als an der Wand.

 

 


Yin/Yang. Der Wandel der Kräfte
Durch die »Wiederbelebung« der Geschichte wird die Thematik der Judenverfolgung »yangisiert«. Was vorher in Vergessenheit schlummerte wird wieder ans Tageslicht geholt.

passiv/aktiv
unbewußt/bewußt
unsichtbar/sichtbar
»tot«/belebt
vergessen/erinnern
Vergangenheit/Gegenwart
dunkel/hell


Yang beschreibt energetische Impulse, die expandieren und sich nach außen öffnen, yang hat mit allen Aktivitäten zu tun, die auf Ausdruck gerichtet sind.
Beide Kräfte sind stets vorhanden, mal tritt die eine stärker in Erscheinung, mal die andere. Sie bedingen sich gegenseitig und ergeben im Zusammenspiel stets das Ganze.
Das könnte man im Zusammenhang mit der Aktion »Stolpersteine« so interpretieren, daß ein Ausgleich durch yang, im Sinne von Bewußtmachung, nötig ist, um die Geschichte zu einem geschlossenen Gesamtbild zu vervollständigen.

Radiästhesie
Während des  Vorgangs des Hämmerns, wenn die Namen und Daten der Deportierten in die Messingplatte geschlagen werden entsteht Polarisierung.
Einerseits werden die Steine bzw. die Metallplatten dadurch »yangisiert«, außerdem treten positiv geladene Teilchen an die Oberfläche. Positive Energie wird aktiviert und freigesetzt.





 

Fünf Elemente in Bezug auf das Projekt Stolpersteine


FEUER
Das Element FEUER spielt in Bezug auf die Aktion »Stolpersteine« insofern eine Rolle, indem es darum geht, etwas aktiv öffentlich zu machen und nach außen zu bringen,
es handelt sich um eine Aktion eines Künstlers. Das Organ, das dem Element FEUER zugewiesen ist, ist die Zunge, die Sinnesempfindung ist Reden. Das heißt, etwas soll zur Sprache gebracht werden, wieder ins Gespräch kommen und in die Gesellschaft. Auch die tatkräftige Handlung und der Laut des Hämmerns ansich, sind dem Element FEUER zuzuordnen.
Das Projekt »Stolpersteine« ist das größte dezentrale Mahnmal Europas (das Stelenfeld in Berlin dagegen ein zentrales Denkmal für die ermordeten Juden Europas). Das heißt, die Bewegungsrichtung weist nach außen in alle Richtungen.

 

ERDE
Das Element, das hier inhaltlich eine große Rolle spielt, ist das Element ERDE.
In dieser Hinsicht hat der Künstler sich meiner Meinung nach den geeignetsten Ort
für seine Umsetzung ausgesucht, den Boden. Es geht um Rückführung zu dem ursprünglichen Ort des Geschehens, dort, wo für die Betreffenden Menschen das
Unheil begann.
Die Thematik der Aktion »Stolpersteine« dreht sich um Menschlichkeit,
um die Zusammenführung unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften und zwischenmenschlicher Vermittlung. Das Leben neben und miteinander und die Bewußtheit
dafür, die Fürsorge für seine Mitmenschen.
Es geht auch darum, eine Ordnung wieder herzustellen, in dem Sinne, daß kein Nährboden geschaffen wird, für die Wiederholung derartig schrecklicher Ereignisse. Dabei spielt der Faktor Heilung eine zentrale Rolle. Schmerzhafte Erlebnisse müssen verarbeitet werden. Während der Zeremonie, wenn die Gedenksteine in die Erde eingelassen werden, gibt es oft gefühlsmäßig bewegende Momente. Oft sind Angehörige und/oder  Verwandte vor Ort.
Das Anliegen des Künstlers ist, das Thema Verfolgung wieder in die Mitte des Geschehens zu rücken, in unseren Alltag.
Die Finanzierung erfolgt größtenteils über Patenschaften. Jeder hat die Möglichkeit,
eine Patenschaft für einen Stein zu übernehmen. Viele Leute kommen auf die Idee,
die Situation in ihrem Wohnhaus zu hinterfragen und dort einen Stein setzen zu lassen. Das verbindet die Menschen und fördert die Gemeinschaft.
Der Betonwürfel entspricht von der Form und vom Material dem Element ERDE.
Er symbolisiert ein dauerhaftes Fundament für Erinnerung.

 

METALL

Das Element METALL tritt in Erscheinung aufgrund des vom Künstler gewählten Materials der Messingplatten und der Stanzung der Schrift. Hier steht die Konzentration auf das Wesentliche im Vordergrund. Der Focus auf Einzelschicksale, das Persönliche. Andererseits die Konzentration der Information, aber auch die Konzentration auf die konkreten Geschehnisse. In der typografischen Umsetzung des Künstlers kommt der Aspekt Struktur zum tragen. Strukturen sollen aufgedeckt werden und das unsichtbare Netz der Verbindungen sichtbar gemacht werden. Das Aufdecken der verschiedenen Orte ergibt im Gesamtbild eine Struktur über der Stadt. Die Bewegungsrichtung des Elementes METALL ist nach innen gerichtet. Es geht um Vergangenheitsbewältigung und die Verinnerlichung der Geschichte. Es gibt die Möglichkeit sich »richtig« von jemandem zu verabschieden (das war vorher schwer, da kein konkreter Ort und Zeitpunkt vorhanden war), zu trauern (die Verlautbarung des Elementes METALL ist das Weinen).

 

WASSER

Es geht aber auch um die Thematik, Informationen zu streuen und zu verteilen, Unbewußtes bewußt zu machen, und zwar auf einer fließenden Ebene. Dies beinhaltet das Element WASSER, das sich auch auf den Aspekt Weisheit bezieht, weise zu handeln und die Stille, das Gedenken, die Erinnerung. Die Bewegung nach unten taucht in dem Moment auf, wo die Steine in die Erde eingelassen werden.

 

HOLZ
Ein wichtiges Element, das bei diesem Projekt im Vordergrund steht, ist das Element HOLZ. Es geht darum, daß die Menschen klar wahrnehmen und erwachen. Der Künstler verfolgt mit seiner Arbeit ein klares Ziel, durch Kreativität möchte er in den Köpfen der Menschen etwas bewirken.
Das Sinnesorgan, das diesem Element zugewiesen wird ist das Auge, die Sinnesempfindung, das Sehen. Man ist aufgefordert, im Leben richtig hinzusehen,
was um einen herum geschieht und auf seine Umgebung zu achten.

 

 




 

 

Faszit. Ist es an diesen Orten noch spürbar, was dort geschehen ist?
Das Projekt »Stolpersteine« hat eine durchdringende Wirkung auf verschiedenen Ebenen
des menschlichen Lebens. Es schafft, auf anschauliche Weise, eine schwierige und
konfliktbeladene Thematik, in den Mittelpunkt des Alltags zu rücken, wo ein Ausweichen
kaum möglich ist. Dennoch bleibt jedem Einzelnen überlassen, hinzusehen oder wegzuschauen.
Offensichtlich hat der Künstler ein gutes Maß gefunden, erst das Unterbewußtsein und
dann das Bewußtsein der Menschen zu erreichen. Die Steine im Boden stellen vor Ort
eine direkte Verbindung her zu früherem Zeitgeschehen, wodurch die Ereignisse
für die Passanten so real und konkret spürbar werden.